Vollpension

Der Professor und die junge Alleinreisende liebten sich von Anfang an. Schon als sie in Heraklion aus dem Flugzeug stiegen und von der Hitze wie von einem Vorschlaghammer begrüßt wurden, hatten sie nur noch Augen füreinander. Drei Stunden kannten sie sich jetzt schon, gefühlt waren es 3000 Jahre. Die Zukunft und das Glück hatten in einer Boeing 737-800 begonnen, um genau zu sein, auf den Plätzen 27 A und B. Zwei Wochen Halbpension für geradezu lächerliche 498 Euro, Verpflegung und Unterkunft im familiär geführten Hotel, Sonne und Sand vom lieben Gott persönlich. Und jetzt auch noch das! Verliebt in den ersten 30 Minuten des Urlaubs, in 11000 Metern Höhe, bei Tomatensaft und Käsesandwich. Die Welt ist schön. Vielleicht ist sie ja extra für den Professor und die junge Alleinreisende erfunden worden.

Begonnen hatte es ganz harmlos, ein puddingweicher Flirt mit einem Kalauer wie ein Schokoladenherz.

„Sie fliegen auch nach Kreta?“ hatte die junge Alleinreisende gefragt.

„Das ist zu vermuten“, hatte der Professor geantwortet. „Vorher auszusteigen ist wohl nicht möglich.“

„Haha“, machte die junge Alleinreisende. „Und wo da genau?“

„Wie bitte?“

„Wo genau auf Kreta? Bitte etwas k-o-n-k-r-e-t-a!“

Zack – hatte sich der Professor verliebt. Und zwei Minuten später die junge Alleinreisende, als der Professor einen unbeschreiblich lustigen Professorenwitz erzählt hatte.

Und jetzt saßen sie verliebt im Transferbus, dessen Fahrer Georgios hieß und der nach eigenen Angaben lieber Rennfahrer geworden wäre. Nach Meinung der anderen Passagiere war er das. Dem Professor und der jungen Alleinreisenden war die Fahrweise egal. Ein schleudernder Reisebus ist eine Sache, die große Liebe eine andere. 20 Kilometer noch, weniger als die Nordschleife des Nürburgrings. Die Zielflagge. Flatternd und bunt kariert wie eine Bettdecke. Gleiches Hotel. Vielleicht sogar gleiche Etage? Das Zimmer nebenan? Beste Voraussetzungen für – ja, wofür eigentlich? Für alles. Für alles was die Liebe so bereithält. An Abenteuern, Anstrengungen, Entdeckungen und Späßen. Alles ist möglich. Trotzdem darf bezweifelt werden, dass der Professor und die junge Alleinreisende jemals gemeinsam im Bett landen werden. Oder gar heiraten. Dafür haben sie keine Zeit mehr.

 

Am Horizont hatte Georgios einen feindlichen Bus entdeckt. Einen heimtückischen, hinterlistigen, dreiachsigen Neoplan. Georgios gab Gas. Drei Kilometer noch. Fast hätte er ihn erwischt, aber der Neoplan verdrückte sich feige in die Einfahrt einer Fünf-Sterne-Anlage. Dann, zwei Minuten später und zwei Sterne weniger, das Priapos, trutzig, eigenwillig, sinnlich, familiär geführt. Ein Hotel wie ein Versprechen. Und wie eine Warnung. Am Empfang: Maria. Die Seele des Hotels. Sein Herz. Und noch ein paar andere Organe. Die Lunge zum Beispiel. Maria redet nicht, sie schreit:

„Zimmer acht. Du neun.“ Sie duzt, auch Professoren. Familiär geführt, kein Problem. In Familien duzt man sich eben.

Der Professor und die junge Alleinreisende wohnen tatsächlich auf der gleichen Etage. Grund: Es gibt nur eine. 30 ebenerdige Zimmer, alle mit Terrasse, sogar alle mit Meerblick, wenn endlich mal einer die Hecke schneiden würde.    

Beim Abendessen: Kasernenhofton.

Maria knallt dem Professor und der jungen Alleinreisenden je einen panierten Fisch, mit Brokkoli wie Boxerohren und Kartoffelbrei aus dem Betonmischer auf den Tisch. „Heute gibt Fisch. Morgen kannst du wählen.“

„Also….“, traut sich die junge Alleinreisende.

„Was ist?“ fragt Maria. „Magst du keine Fisch?“

„Nicht direkt.“

„Warum nicht?“

Die junge Alleinreisende weiß keine Antwort. Maria hetzt weiter, verteilt Fisch an Fischverächter.

„Qualitativ ist nichts dagegen zu sagen“, murmelt der Professor. „Wie der Fisch wohl heißt?“

 

Beim Frühstück am nächsten Morgen sind alle guter Laune. 50 deutsche Pauschal-Touristen und ein Baby. Das Baby ist besonders guter Laune. Es liegt in einer Kunststoffschale, die auf dem Frühstückbuffet steht, und furzt unentwegt. Das selbst produzierte Geräusch bereitet ihm sichtlich Freude. Auch der Professor und die junge Alleinreisende sind gut gelaunt. Die Betten im Hotel sind sehr gut. Dass der Professor und die junge Alleinreisende gemeinsam in einem dieser guten Betten gelegen haben, darf bezweifelt werden, denn sie siezen sich noch. Der Professor hält einen Frühstücksvortrag über die bewegte Geschichte Kretas, die junge Alleinreisende versucht zuzuhören, aber das Baby furzt ständig dazwischen.

„Es wäre sehr anständig, wenn der junge Mensch damit aufhören würde“, murmelt der Professor so laut, dass es die Rührei löffelnden Eltern hören müssen.

„Irgendwann muss das kleine Bäuchlein doch leer sein“, fügt die junge Alleinreisende fachkundig hinzu.

Aber das Baby furzt geradezu pflichtbewusst weiter, mit unerschöpflichen Reserven, als würde es durch einen verborgenen Luftschlauch heimlich wieder befüllt.      

Nach dem Frühstück fordern der Professor und die junge Alleinreisende an der Rezeption ihre Pässe zurück.

Maria weigert sich. „Hier sicher, kein Problem. Wie in Safe. Jetzt füllt ihr Listen aus. Da!“

Listen? Aha, die Menüwahl für die Abendessen. Wochenweise. Es gibt grundsätzlich zwei Gerichte, meistens Fisch und Hähnchen. Mittwoche und Sonntage existieren auf der Liste nicht. Diättage? Ramadan? Gregorianischer Kalender? Streik? Eine griechische Spezialität? Sind die Deutschen zu dick?

„Mittwoch und Sonntag Grill“, würgt Maria alle Fragen ab. „Am Pool. 19 Uhr. Alle da sein! Pünktlich!“

 

Am Mittwoch, pünktlich um 19 Uhr, sind der Professor und die junge Alleinreisende am Pool. Alle anderen Gäste auch. Sokrates, Marias Mann, mäht noch schnell den Rasen, aber der Grill qualmt schon, beißt den Hungrigen in die Nase. Konstantin, der dicke Sohn, serviert Bier, Wein und Wasser. Die gleichen Salate wie im Esssaal lungern auf langen Tischen herum. Maria platziert den Professor und die junge Alleinreisende an einen Tisch mit einem ängstlich dreinblickenden Paar. Aus Leipzig, wie sich herausstellt. Aber das ist nicht der Grund für ihre Angst. Sondern der Grillabend.

„Die Spieße dauern noch. Nehmen Sie sich reichlich von den Salaten“, gibt der Leipziger den entscheidenden Tipp, gewitzt durch die immer noch nicht bewältigten Erfahrungen ostdeutscher Mangelwirtschaft.

„Und was ist das für Fleisch?“ fragt die junge Alleinreisende, die zwar beruflich mit Fleisch zu tun hat, ansonsten aber eher vegetarisch lebt, eine gelegentliche Frikadelle ausgenommen.

„Was für Fleisch?“ Die Frau des Leipzigers, die Leipzigerin, zuckt hektisch die Achseln, als bekäme sie Stromstöße verpasst. „Geene Ahnung. Schmeckt aber.“

„Zuerst…..“ Der Leipziger beugt sich weit über den Tisch und beginnt zu flüstern. „Zuerst essen Sokrates und Maria ihren Spieß, dann Konstantin, der Sohn. Dann erst sind wir Gäste dran.“

„Ich esse das sowieso nicht.“ Die junge Alleinreisende verzieht den Mund, schüttelt sich.

„Interessant.“ Der Professor lehnt sich zurück, ist bereit für einen Abendvortrag. Er nippt am Wein, befeuchtet die Lippen. „Wirklich interessant. Dann üben Sokrates und Maria wohl so etwas wie eine Vorkosterfunktion aus. Wirklich anständig. Um die Gäste zu schützen. Wussten Sie, dass sich bereits antike Herrscher Vorkoster hielten? Wie sollten sie sich sonst vor vergiftetem Essen schützen? Auch der sowjetische Diktator Josef Stalin hatte einen Vorkoster. Hitler sowieso. Auch Saddam Hussein hatte Vorkoster. Mehrere hintereinander. Der Beruf ist nicht ungefährlich. Da kann man ganz schnell….“

„Sind Sie Professor?“ unterbricht die Leipzigerin, schneidet den wirklich interessanten Vortrag ab wie einen Faden.

„Ja, ich bin Professor. Warum?“

„Politik oder Geschichte?“

„Querflöte.“

„Ach so.“ Die Leipzigerin mustert den Professor von oben bis unten, und als sie an ihm nicht die geringste Spur einer Flöte, geschweige denn Querflöte entdecken kann, wendet sie sich enttäuscht der jungen Alleinreisenden zu. „Und Sie? Was machen Sie beruflich….wenn ich fragen darf?“ Flüstert, sieht sich scheu um.

Die junge Alleinreisende trinkt roten Wein, lächelt, findet den Dialekt der Leipziger witzig. „Ich? Was ich mache? Also, ich bin jetzt mit dem Studium fertig und fange direkt nach dem Urlaub in….“

„Da!“ Maria knallt vier Teller mit Fleischspießen auf den Tisch.

„Für mich….“, will die junge Alleinreisende abwehren, aber die Blicke der Leipziger lässt sie verstummen.

„Das dürfen Sie nicht machen“, flüstert die Leipzigerin, als Maria zum nächsten Tisch gestürmt ist. „Sie dürfen nichts ablehnen. Tun Sie wenigstens so als ob Sie den Spieß essen würden. Oder geben Sie ihn mir. Aber nichts ablehnen! Die sind hier sehr empfindlich. Und wenn Sie nicht pünktlich zum Grillen erscheinen, beleidigen Sie damit die Wirtsleute. Die mögen das gar nicht. Letzte Woche….“ Das Flüstern erniedrigt sich zu einem fast unhörbaren Wispern, ängstlich-verzweifelt und absolut Stasi-resistent. „Ein junger Italiener, toller Typ, super Figur, muskulös, ganz niedlich, schwarze Locken, der war zum Surfen hier, hat nur gelacht über den Grillabend. Ich geh in die nächste Taverne. Pizza essen. Hat er gesagt, wirklich. Alle haben es gehört. Und dann noch irgendetwas Böses, auf Italienisch. Etwas ganz Schlimmes.“

„Und?“ fragt der Professor, legt seinen Spieß langsam zurück auf den Teller.

„Sie haben ihn rausgeworfen“, flüstert der Leipziger. „Einfach rausgeschmissen. Er hatte nicht einmal mehr Zeit sein Surfbrett mitzunehmen.“

Die junge Alleinreisende sieht den Professor an. Sie zittert. „Ich habe Angst. Bring mich hier weg.“

„Das war bestimmt nicht böse gemeint.“ Der Professor glaubt an das Gute im Menschen. Sonst würde er nicht Querflöte unterrichten, sondern Trompete. „Aber wenn du meinst….Komm, wir gehen.“ Er schiebt seinen Professorenspieß auf einen Leipziger Teller und reicht der jungen Alleinreisenden die Hand. „Komm.“    

Niemand am Pool ist sich der historischen Bedeutung des Augenblicks bewusst. Sie haben „Du“ gesagt.

 

Zwei Tage und 500 Dus später sind der Professor und die junge Alleinreisende immer noch ein Herz und eine Seele. Sie gehen spazieren, liegen am Strand, albern herum, besuchen sich ganz anständig auf ihren jeweiligen Zimmern. Dann küssen sie sich auf einem malerischen Felsen. Neben dem Felsen hat jemand Feuer gemacht. Die Reste glühen vor sich hin. Furztrockenes Holz, Zweige von Büschen. Äste von Bäumen. Ausgebleichte Tierknochen. Billiges Papier von britischen Massenmedien.

„Guck mal“, sagt die junge Alleinreisende. Zwischen zwei Küssen hat sie etwas entdeckt, klettert vom Felsen herunter, zieht mit geschickten Fingern etwas Angekokeltes, Rechteckiges, Flaches aus der weißen Asche. „Guck mal!“

„Sieht aus wie ein Reisepass“, brummt der Professor.

Die junge Alleinreisende blättert schon, wird blass, die Küsse sind vergessen. „Giacomo de Tomaso. Das Bild! Schwarze Locken. Das ist doch bestimmt der….“

„Sieht ganz so aus. Der Surfer. Zufall oder nicht? Leg das zurück. Bitte.“

Die junge Alleinreisende blättert immer noch. „Der ist erst 26. Was soll der jetzt machen? Ohne Pass!“

Sanft nimmt ihr der Professor das Dokument ab, schiebt es zurück in die Asche, sorgfältig, achtet darauf, dass nichts mehr zu sehen ist. Weg damit. Ein gültiger italienischer Reisepass ist nicht ohne Wert, auch wenn er angekokelt ist. Aber das hier geht eindeutig zu weit. „Vergiss das alles.“

„Das kann ich nicht.“ Die junge Alleinreisende zittert.

Der Professor würde jetzt auch gern zittern, aber wie sähe das denn aus?

Schweigend wie Philosophen gehen sie zurück zum Hotel. Sokrates und Maria, die vor dem Fernseher neben der Rezeption einen Ouzo und ein Fußballspiel genießen, begegnen sie mit Respekt und Höflichkeit. Nach den Pässen fragen sie nicht mehr. Was nicht vorhersehbar gewesen ist: Natürlich gehen der Professor und die junge Alleinreisende jetzt auf ein einziges Zimmer. Auf das des Professors, das ganz am Ende liegt und sehr ruhig gelegen ist. Fortan werden sie nie mehr getrennt schlafen. Schuld daran ist der italienische Surfer, der keine Fleischspieße mochte.

 

Am nächsten Morgen: Neuankömmlinge. Das gut gelaunte Baby begrüßt sie mit einem besonders herzlichen Willkommensfurz. Die Neuankömmlinge sind vier ältere Rennradfahrer aus der Schweiz. Als ob es nicht schon heiß genug wäre. Verrückt, sich bei 36 Grad abzustrampeln. Die Gäste schütteln die Köpfe. Nur das Baby beäugt die Radler wohlwollend. Es sind ja Seelenverwandte! Sollen sie doch strampeln. Das tut das Baby auch. Eigentlich, entscheiden alle Gäste an ihren Frühstückstischen, sind die Schweizer Radler viel zu dick zum Radeln. Sie haben Bäuche. Einer holt sich direkt nach dem Frühstück beim dicken Sohn an der Bar ein Bier. Draußen lehnen die vier Rennräder wie abgemagerte Schafe an der Mauer. Einer der Schweizer raucht eine Zigarette. Ein anderer telefoniert mit Zürich. Es sind Geschäftsleute. Aber viel zu dick zum Radeln. Gegen Mittag schwingen sie sich auf die Räder. Vom Pool aus sehen alle Gäste zu. Der Professor und die junge Alleinreisende halten ein Mittagsschläfchen, Danach sind sie müde und dösen bis zum Abendessen am Pool. Es gibt Fisch und Frikadellen. Die junge Alleinreisende isst alle beiden Fleischklopse auf. Endlich wieder Frikadellen! Fleisch. Eigentlich ist es sehr schön im Priapos. Wenn nur der tote Italiener nicht wäre.   

Für den Abend haben sich der Professor und die junge Alleinreisende nichts Besonderes vorgenommen. Sie denken daran was sie mit dem jeweils anderen noch anstellen werden und auch ein bisschen daran, wie sie den nächsten Grillabend hinter sich bringen.

 

Der Ablauf ist immer der gleiche: Salatbar am Pool, Sokrates und Maria essen die ersten beiden Spieße, dann werden die Gäste bedient. Same procedure as last year. Und täglich grüßt das Murmeltier. Am dritten Grillabend wird es gefährlich. Die junge Alleinreisende duscht. Der Professor überprüft die Restzeit bis zum Termin. Fünf nach sechs. Kein Problem. Dann: Panik. Die Uhr ist nicht auf griechische Zeit umgestellt worden. Also fünf nach sieben! Der Professor zerrt die junge Alleinreisende unter der Dusche hervor. Das Telefon röhrt wie ein Hirsch. Eine wütende Maria ist dran. Wann die Herrschaften wohl gedenken herunter zu kommen. Oder ob sie eine extra Einladung bräuchten.

„In 30 Sekunden sind wir unten“, hechelt der Professor.

Sie schaffen es. Sie sind die Letzten. Die junge Alleinreisende ist noch nass. Shampoo tropft aus ihren Haaren auf den Gurkensalat. Der Professor knabbert hilflos am Spieß. Das Fleisch ist nicht wirklich schlecht, doch doch, überhaupt nicht zäh, einfallsreich gewürzt, in Alkohol eingelegt, Brandy oder Metaxa, wirklich nicht schlecht, aber der Professor kann nicht. In einem unbeobachteten Moment schiebt er den Spieß wie Schwarzgeld auf den Teller des Leipzigers.

„Aufbau Ost“, scherzt er.

„20 Jahre zu spät“, brummt der Leipziger.

Während die junge Alleinreisende trocknet, isst die Leipzigerin ihren Spieß auf. Der Leipziger holt sich noch ein Bier, hat alles im Blick. „Das gibt Ärger“, flüstert er, als er vom Tresen zurückkommt. Die Schweizer Radler sind da, viel zu spät, lehnen ihre teuren Maschinen ans Priapos und gehen duschen, ohne die Pflichtveranstaltung am Pool eines Blickes zu würdigen.

„Ganz schön mutig“, wispert die Leipzigerin. „Es ist gleich acht.“

Maria deckt einen neuen Tisch für die Radler ein, wartet wütend. Ihr Blutdruck ist höher als der Olymp. Die dicken Schweizer kehren nacheinander vom Duschen zurück, lachen und telefonieren mit Zürich. Keine Million Franken könnte sie an den Pool locken. Dann rollt ein Taxi in die Einfahrt. Die Schweizer steigen ein. Sie werfen sich Wörter wie Bälle zu. „Käsefondue“, „Meeresfrüchtepizza“, T-Bone-Steak“. Ganz deutlich hören die Gäste das. Maria auch.

Dann, als alles überstanden ist, sitzen der Professor und die junge Alleinreisende auf dem Balkon und halten sich an den Händen. Zwischen ihnen steht eine Flasche Wein. Kein kretischer, kein griechischer. Nein, italienischer, richtig guter! Eingeschmuggelt mit klopfendem Herzen. Wie der schmeckt! Das Etikett haben der Professor und die junge Alleinreisende vorsichtshalber abgerissen. Kein Etikett. Und wenn schon! Sie selbst sind momentan quasi auch ohne Etikett. Nackt. Macht nichts. Man kennt sich. Es klopft an der Tür. Das ist noch nie passiert. Hier klopft niemand an. Auch die Zimmermädchen nicht. Sie stehen plötzlich vor einem, ob man etikettiert ist oder nicht. Ein familiär geführtes Hotel eben. Aber jetzt? So spät? Wer kann das sein?

„Nicht aufmachen!“ flüstert die junge Alleinreisende.

Der Professor sucht nach seinem Bademantel. „Ich muss!“

Die junge Alleinreisende legt sich eine Decke um, legt sie regelrecht an wie eine Ritterrüstung. Der Professor öffnet die Tür. Die Leipziger drängen herein wie ein Sondereinsatzkommando.

„Licht aus“, zischen beide. Sie sehen sich prüfend im Zimmer um, lassen sich plötzlich fallen, sehen unters Bett, überprüfen ob der Telefonhörer korrekt aufgelegt ist.

„Balkontür schließen“, ordnet der Leipziger an ohne die Lippen zu bewegen.

„Was ist denn los?“ wagt der Professor zu fragen.

„Da ist schon wieder jemand verschwunden.“ Jetzt ist es heraus.

„Wer?“

„Der Typ mit dem Motorroller. Der Säufer. Nur gesoffen hat der. Von morgens bis abends. Ist morgens nüchtern losgerollert und abends besoffen in Schlangenlinien zurückgekommen. Weiß der Himmel wo der tagsüber war. Hat sogar während der Fahrt getrunken. Die Brandyflasche stand zwischen seinen Beinen auf dem Trittbrett. Man konnte ihn schon auf 200 Meter riechen, wenn er von der Hauptstraße abgebogen ist. Totaler Spritkopf. Zwei Mal Grillabend geschwänzt. Jetzt ist er weg. Der Roller steht da noch.“

„Das Surfbrett“, flüstert die junge Alleinreisende. „Ich will nach Hause.“

„Vielleicht ist er abgereist.“ Der Professor sieht immer das Gute.

„Abgereist? Haha! Der war Langzeiturlauber wie wir. Bis Mitte August!“

„Und jetzt?“

„Seid vorsichtig. Macht keine Fehler.“

„Machen wir nicht. Wir haben verstanden.“

„Gut. Wäre schade um euch.“ Der Leipziger hält den Kopf aus der Tür, wackelt mit der Nase wie ein Kaninchen. „Raus jetzt. Bevor uns einer sieht.“

 

Einmal rauskommen. Das wär´s. Reiten oder tauchen. Oder mit dem Jeep. Der Professor und die junge Alleinreisende mieten sich einen Jeep. Weil das Jeepfahren Spaß macht, gleich für eine ganze Woche. Der Jeep ist ein alter Suzuki, der trotz seines Namens aber nicht aus Griechenland kommt, sondern aus Japan. Der Professor und die junge Alleinreisende lieben den Suzuki. Nachts steht er neben dem Motorroller des verschwundenen Säufers. Man kann die beiden vom Pool aus sehen. Auch am Grillabend. Die Salate sind immer gleich. Auch heute. Aber die Spieße sehen besonders schrecklich aus. Sie triefen vor Fett. Sie sind groß und dick. Und schwer wie Hanteln. Reichliche Portionen, zugegeben. Aber viel zu viel Fett. Die Gäste stöhnen und verlangen nach Ouzo. Maria geht mit der Flasche herum. Konstantin kippt Chemie in den Pool. Trotzdem ist es schön im Priapos. Man muss den Spieß nicht essen, man kann ihn quasi herumdrehen und den Leipzigern auf den Teller schieben.

„Pah“, macht die Leipzigerin. „Was ist das? Das ist doch geen Fleisch.“ Sie pult an ihrem fetten Spieß herum, zieht ein ekliges Stück Haut ab, das gar keine Haut ist, sondern Plastik. Kunststoff wie von einer Zeltplane. Oder Sportkleidung.

„Ist das fett!“ Um den Mund des Leipzigers glänzt es silbrig, wie der Metalliclack eines Autos in der Sonne. „Was ist das für Fleisch?!“

„Kaninchen“, schlägt die Leipzigerin vor.

„Nee“, stöhnt ihr Mann. „Ziege oder Schaf.“

„Taube“, versucht es der Professor. „Nein, Moment….Kalb oder Rind. Oder Bison.“

„Das ist überhaupt kein bekanntes Tier“, sagt die junge Alleinreisende. Sie hat überhaupt nichts gegessen. Nicht einmal Gurkensalat. Dafür hat sie sich betrunken. „Kein bekanntes Tier. Ich glaub´s nicht. Die sind doch alle wahnsinnig!“

„Kein bekanntes Tier?“ Die Leipzigerin mag keine Menschen die alles besser wissen. „Woher wollen Sie das denn so genau wissen? Sie haben ja nicht einmal probiert.“

„Ich weiß es eben“, lallt die junge Alleinreisende. Sie schwankt ganz leicht auf ihrem Plastikstuhl, wie ein Segelboot im Hafen, das sanft von den Wellen angehoben wird. „Ich hab Medizin studiert. Nächsten Monat fange ich im Krankenhaus als….als….“

„…..als Assistenzärztin an“, ergänzt der Professor hilfsbereit, weil ihr die genaue Berufsbezeichnung entfallen ist.

„Ach so.“ Der Leipziger wirkt plötzlich milde gestimmt. „Een Dokter. Und was für Fleisch ist das jetzt genau?“

„Kein bekanntes. Sach ich doch….Mann…ey…“ Die junge Alleinreisende hat keine Lust mehr. Sie könnte den Spieß jetzt sezieren, aber dafür ist sie zu betrunken. Sie will jetzt ins Bett. Und alles vergessen. Der Professor hilft ihr auf die Beine. Sie schlurfen zum Priapos. Direkt neben dem Haupteingang lehnen die vier Rennräder der dicken Schweizer. Staub liegt auf den 3000 Euro teuren Karbonrahmen. Tolle Maschinen. Aber die schmalen Ledersättel sehen irgendwie krank aus. Doch das hat nichts zu sagen. Im Großen und Ganzen ist Radfahren sehr gesund.

 

Der Professor und die junge Alleinreisende hüpfen mit dem Suzuki von Strand zu Strand. Wo es ihnen gefällt, da bleiben sie einfach. Sie essen ein Stück Käse, Oliven und trinken das Wasser direkt aus der Plastikflasche. Sie laufen nackt ins Meer und freuen sich, wenn sie am Horizont ein Containerschiff entdecken. Sie sind vollkommen verliebt, so viel steht fest. Und es darf bezweifelt werden, dass das jemals aufhört. Der Professor und die junge Alleinreisende lachen viel. Manchmal sind sie auch ganz still. Philosophieren. Dann toben sie wieder im Sand herum. Oder sie verbiegen sich, rollen übereinander und bilden gemeinsam interessante Figuren. Der Suzuki steht daneben und macht schwarzbraune Kaffeeflecken in den Sand. Das tut er seit zwei Jahrzehnten. Er ist eben alt. Inkontinent, aber immer bereit. Am Nachmittag fahren der Professor und die junge Alleinreisende ins Gebirge. Das Priapos ist weit fort. Irgendwo am Horizont. Man kann es sehen. Ganz unten. Von oben sieht alles halb so schlimm aus.      

„Lass uns fahren“, seufzt der Professor. „Es ist gleich fünf.“

Die junge Alleinreisende dreht den Zündschlüssel. Der Suzuki springt an, wie immer. Er lärmt und vibriert. Aber er denkt nicht im Traum daran zu versagen. Es sei denn, das Öl ist alle. So wie jetzt. Vier kleine Kobolde kreischen gleichzeitig auf. Im Motorraum macht es „Puff“. Die junge Alleinreisende, die sich mit Fleisch, mit Skalpellen, mit inneren Organen und ein wenig auch mit Benzinmotoren auskennt, tritt geistesgegenwärtig die Kupplung. Aber es ist zu spät. Der alte Suzuki kann nicht mehr, er ist tot, wie zum Beweis leuchtet die grellrote Warnlampe auf. Irgendwie bringt die junge Alleinreisende den toten Suzuki zum Stehen. Dann ist es wie im Film: Der Akku des Handys ist leer, und es kommt kein Auto vorbei. Halbwilde Hunde folgen den Verliebten, ein taubstummer Schäfer versteckt sich vor ihnen hinter seinen Schafen. Alles halb so schlimm. Es ist zwar Sonntag, doch das Priapos ist nicht weit. Sechs Kilometer oder acht. Zwei Stunden Fußmarsch. Wenn man sich nicht verläuft. Der Professor und die junge Alleinreisende verlaufen sich. Aber selbst das ist nicht schlimm, weil sie sich an den Händen halten.

 

Ob der August noch heißer als der Juli wird – im Priapos ist das ein Thema. Noch ein Thema: der letzte Grillabend. Wunderbar. Herrlich. Das Fleisch so zart, so mager. Der Spieß wie Musik, lecker und gesund, ohne schlechtes Gewissen, wie vom Arzt empfohlen.

Und was machen Sie heute?

Chania, wie schön.

Ja, am Pool ist es immer so ruhig.

Die Griechen sind nett, keine Frage.

Waren Sie schon an der Südküste?

Maria meint es nicht so, sie ist wirklich eine Seele von Mensch.

Das Buffet ist recht einfach, aber die Qualität….

Wir sind schon zum zwölften Mal hier.

Unser Baby hatte Blähungen, die junge Ärztin hat uns geholfen.

16 Euro pro Tag für so einen Roller, das ist doch in Ordnung?

Das Surfbrett, das Surfbrett, ist das zu vermieten?

Es gab hier einen Professor, der kannte sich wirklich aus….

So ein Zufall, wir kommen auch aus Leipzig.

Die vermieten hier auch Rennräder, richtig gute….

 

 Maria beginnt das Frühstücksbuffet abzuräumen, obwohl noch alle Gäste an den Tischen sitzen. Nein, nicht alle. Die junge Alleinreisende ist nicht zum Frühstück erschienen. Auch der Professor ist nicht mehr da.

 

 

 

 

 

©Andreas Busch